Feuerwehr - Aktive Mannschaft

 

Von Quellkaden, Freibord und Verteidigungsfällen

 

Drei Kameraden der Feuerwehr Oberleiterbach bilden sich in Sachen Hochwasserschutz und Starkregenereignissen fort. Sie füllen, transportieren und verlegen Sandsäcke. Die Bundeswehr übt mit den Hilfsorganisationen. Warum dies ein durchaus realistisches Szenario ist.

30.09.2023 Was ist die einfache und was die stabile Verlegeweise von Sandsäcken? Wie erhöhen Einsatzkräfte im Fall der Fälle mit Sandsäcken die Deichkrone und wie funktioniert die Verteidigung des Deichfußes? Warum ist es entscheidend, ob das Sickerwasser klar oder trüb ist? Welchen Zweck haben Deichläufer und Quellkade? Warum kann es bei Hochwasser durchaus sinnvoll sein, den Keller eines Hauses zu fluten, u diesen zu retten? Und warum kann es im Fall der Fälle entscheidend sein, das Freibord zu kennen? – Diese und andere Infos wurden beim Tagesseminar Hochwasserschutz und Starkregenereignisse des Kreisfeuerwehrverbands Lichtenfels vermittelt. Drei Kameraden der Feuerwehr Oberleiterbach nahmen daran teil.

 

Einsatzkräfte von DLRG, THW, Bundeswehr und Feuerwehr bildeten sich bei einem Tagesseminar in Hochwasserschutz und Starkwetterereignissen weiter. Foto: Gerd Klemenz
Die Oberleiterbacher Feuerwehrkameraden beim Füllen der Sandsäcke: Foto: Gerd Klemenz

„100 Kilometer Schwein gehabt“

„Wir haben damals 100 Kilometer Schwein gehabt“, sagte Schardt, als er die Wettergrafik des Elbhochwassers und die massive Unwetterzelle über Polen und Tschechien und Deutschland zeigte. Nur 100 Kilometer weiter westlich, die heimische Region wäre statt Dresden und Co. untergegangen. Auch Ereignisse wie an der Ahr können durchaus auch in hiesigen Gefilden auftreten. Reine Glückssache, wenn man verschont bleibt.

Umso besser, wenn man vorbereitet ist, um im Fall der Fälle schlagkräftig agieren zu können. Vorwarnungen für markante Wetterereignisse und Unwetter gibt es über den Deutschen Wetterdienst, Hochwasserpegel lassen sich über www.hnd.bayern.de von jedermann ablesen, unter dem Link „Taschenkarte HuD THW Kopie (thw-emden.de)“ gibt es wertvolle Tipps für Helferinnen und Helfer. Während das Technische Hilfswerk schon stark in dem Thema drin ist gibt es an den Staatlichen Feuerwehrschulen nach wie vor keine Lehrgänge für Hochwasserschutz und Starkregenereignisse.

Auch THW und DLRG dabei

Nicht nur Feuerwehrler lauschten interessiert dem kurzweiligen Theorieteil, bei dem auch Gruppenarbeit und aktives Beteiligen gefragt hat, sondern auch Einsatzkräfte von Technischem Hilfswerk und Deutscher Lebensrettungsgesellschaft. Im Ernstfall arbeiten sowieso alle Blaulichtorganisationen Hand in Hand: Umso wichtiger, wenn man dann eine Sprache spricht, die Begrifflichkeiten kennt und voneinander profiziert. Das Freibord beispielsweise, also jener Raum zwischen Wasserspiegel und Deichkrone, also dem höchsten Punkt des Damms. Oder auch die Quellkade, eine Art Becken aus Sandsäcken, mit dem das punktuell durch den Deich gesicherte Wasser landseits an Ort und Stelle eingefangen wird, um einen Gegendruck zum Wasser auf der anderen Seire (wasserseits) aufzubauen. Gefährlich wird es, wenn das Sicherwasser trüb ist, also Sedimente aus dem Deich schwemmt. Planen landseits aufzubringen, fördert übrigens nur das Durchweichen und damit das Brechen des Damms, weil das Wasser sich im Deich seinen Weg sucht. Besser ist es, mit Sandsäcken zu agieren, die Sickerwasser, bei richtiger Verlegeweise, weiter durchlassen.

Die Einsatzkräfte bilden eine Kette, um die Sandsäcke schnell an Ort und Stelle zu bringen. Foto: Ger Klemenz
Ein umgebautes Plastikrohr wird zur Schippe: Mit einfachen Mitteln lässt es sich effektiv helfen. Foto: Drossel

Sandsandsack ist nicht gleich Sandsack: Es gibt verschiedene Modelle und Materialien. Hunderte waren im Kieswerk in Trieb zu füllen, aber maximal zu zwei Dritteln: Dann lassen sie sich besser verbauen. Zehn bis 15 Kilo wiegt dann so ein einsatzbereiter Sandsack, im Fall von Hochwasser und Starkregen werden gut und gerne Hunderttausende benötigt, um einen kleinen Landkreis wie Lichtenfels zu schützen. Da kommen schnell viele Tonnen Gewicht zusammen, die erst einmal transportiert werden wollen. „1000 Sandsäcke sind da gar nichts“, betonte Ausbildungsleiter Schardt. Jede Kommune im Landkreis Lichtenfels hält übrigens genau 1000 Säcke vor, die im Lehrgang gefüllten wurden danach nach Weismain gebracht. Und im Markt Zapfendorf? Zumindest steht es mittlerweile im Feuerwehrbedarfsplan – und die Feuerwehr Oberleiterbach hat als Verein vorgesorgt und vom eigenen Geld zwei Paletten Sandsäcke finanziert.

Die „Blume“ vom Wasser weg

Wichtig ist, die „Blume“ also die Sandsacköffnung, niemals in Fließrichtung zu legen. Normalerweise werden Sandsäcke quer gelegt, nur in Ausnahmefällen längs der Fließrichtung. Die Zweidrittelfüllung ermöglicht einen dichten Verbund. Und es gilt: im Vergleich zur Höhe doppelte Breite. Zwei Sandsäcke unten, einer obendrauf. Eine Materialschlacht und extrem schweißtreibend für die Helferinnen und Helfer. Da stoßen selbst die über 3000 Feuerwehrleute im Landkreis Lichtenfels schnell an ihre körperlichen Grenzen: Wenn der Katastrophenfall ausgelöst wird, darf auch die Bundeswehr mithelfen – so wie an diesem Lehrgangstag arbeiteten verschiedenen Hilfsorganisationen mit den Soldaten Hand in Hand.

Wenn ein Gebäude, schon von Hochwasser umspült wird, entsteht ein massiver Auftrieb: Bodenplatten können sich heben, Gebäudeteile brechen, mit der Folge, dass das Haus eventuell massiv einsturzgefährdet ist. „So paradox es ist: Es kann im Akutfall eine Option sein, den Keller des Hauses zu fluten, um Gegendruck zu erzeugen und schwere Schäden zu vermeiden“, sagte Oliver Schardt. Mit klarem Leitungswasser, versteht sich.

Eigenschutz geht immer vor

Mit vielen Eindrücken und einem großen Fundus an Fachwissen in Theorie und Praxis gab es am Ende nicht nur für Michael Göbel, Frank Hennemann und Markus Drossel Urkunden von Lehrgangsleiter und Kreisbrandmeister Thomas Ruckdäschel beziehungsweise Kreisbrandinspektor Oliver Schardt. Wie schnell sich Lagen verändern könnten, zeigte sich auch an diesem Samstag beim Gefahrenschutzzug Lichtengels/Main: Lehrgangsleiter Ruckdäschel wurde plötzlich zum Ernstfall gerufen. Kein Starkregen oder Hochwasser, sondern ein Zimmerbrand in der Kreisstadt, bei der es zu Explosionen kam, als die Angriffstrupps ins Gebäude vordrangen. Lebensgefahr, wie so oft bei Alarmierungen. Umso wichtiger der Satz des Ausbilders: „Denkt bitte immer daran: Eigenschutz geht vor.“           M. Drossel